Ich habe den Eindruck dass dieser mysteriöser Mord hier in Deutschland als DIE französische Nachrichte seit letzter Woche gilt. Klar, es ist keine schöne Geschichte und man hat Schwierigkeiten zu verstehen, dass ein Mensch so verrückt wird, ohne dass es vorher schon bemerkt und vermeidet wird. Ich bin allerdings immer wieder erstaunt, wie stark solche faits divers dem Publikum interessieren können.

Eigentlich bin ich mir nicht sicher, wie genau es hier in Deutschland analysiert und empfunden wird: ob wir da die selben Vermutungen haben? Der Spiegel hat einen guten Artikel da angeschaltet, der vor allem um das Thema Glauben beim Täter berichtet. Die FAZ macht eine neutrale Zusammenfassung der Ereignisse hier.

Mir kommt es allgemein so vor: die deutschen Medien erklären die Ereignisse zwar sehr gut, lassen aber wenig Platz zum Verständnis der Reaktion der französischen Bevölkerung. Was auch logisch ist: innerhalb einer bestimmten Anzahl von Worten in Word- Dokument kann man als Reporter auch wenig Platz zur solchen Infos lassen. Und doch ist es wichtig, die Ereignisse eines Landes nicht mit dem Verständnis eines anderes zu analysieren. Mais passons.

Worauf ich hinaus will: der Verdächtige ist (oder war) katholisch und stammt aus einer sehr alten, feinen, adeligen Familie aus Versailles. Diese Schlüsselbegriffe - Versailles, catholique, noblesse- soll man bei uns mit ganz viel Vorsicht nehmen, vor allem wenn sie mit Mord verbunden werden. Ich weiss dass es hier auch bei manchen ein richtiges Thema sein kann, klar. Aber irgendwie glaub ich es soll hier doch erwähnt werden, was die Franzosen angeht.

Warum denn das?

- brisante Nachricht: Frankreich hat Revolution gemacht! Ja ja. Wir haben so gar unseren König und seine Frau geköpft. Sie und eine Reihe von Adeligen, Katholiken, oft auch Menschen die einfach an dem falschen Ort und falscher Moment waren. Anders gesagt: ab diesem Erreignis sind Adelige und Katholiken bei uns nicht mehr als respekterierte, gute Menschen angesehen worden, sondern als gefährliche Menschen. Ich glaub es ist der wichtigste Umbruch unserer sozialen Geschichte. Ob es gut, schlecht, normal oder überraschend ist, werde ich hier nicht diskutieren. Es ist einfach eine Tatsache, dass das Land das als "älteste Tochter der Kirche" galt, sich dagegen eingesetzt hat, und das noch auf Dauer. Wichtig ist aber auch, diese Geschichte hat noch kein Ende gefunden. Sprich: Franzosen sind zum Teil gleichzeitig noch sehr mistraurig- Religion und Adeligen entgegen, haben doch oft auch einen grossen Respekt vor was die Kirche macht und Monarchiegeschichten. Nicht für nichts wird es immer wieder gesagt, wir haben une monarchie déguisée, eine Monarchie, die das Gesicht einer Republik hat. Es ist auch kein Zufall, dass die Mehrheit der Franzosen doch Grundkenntnisse der katholischen Sitten hat.

- 1905 hat der Staat sich dazu entschieden, sich von der Kirche zu trennen. Soweit ich weiss, gibt es weltweit nur 2 Länder die das gemacht haben: Frankreich und die Türkei. Bis heute bleibt die Trennung eine wichtige Frage. Sie wird von 99% der Bevölkerung unterstützt, jeder Versuch, da was zu ändern, ist ein riesiges Thema. U.a. müssen wir doch die Frage stellen, wie wir für andere Religionen, nämlich der Islam, damit umgehen sollen. Katholische Gemeinde haben also ihre eigene Schule, die in der Regel eine sehr hohe Ausbildung anbieten. Meistens werden sie auch sehr beliebt, da die Schulen gute Ergebnisse mit einem gesunden Anzahl von Schülern anbieten. Auf der anderen Seite bringen sie natürlich Religion bei, was wie gesagt meistens als undemokratisch/ gefährlich angesehen wird. Es sei denn, man befindet sich in der Elsass oder Lothringen, wo die Regelung nicht gilt (es war damals ja Deutsch und diese Länder haben es so verhandelt, dass der Rückkehr zur fr. Staatsangehörigkeit nur ohne diese Trennung möglich war).

- Versailles, da wo der Schloss von Louis XIV. auch ist, ist eine sehr konservative Stadt. Da leben in der Regel die ältesten adeligen Familien des Landes, und da sind auch die traditionnalisten Katholiken. Versailles als Stadt hat einen Ruhm von reichen, leicht irrsinnigen, etwas undemokratischen Stadt (was es auch nicht ist, die Stadt ist laut einer Bekannten erstaunlicherweise ziemlich arm für die Gegend), wo ganz viele Anwohner einen eigenen Schloss auf dem Land besitzen und einen ganz grossen aristokratischen Akzent haben. "Versaillais" kann bei manchen eine Beleidigung sein ''Die Besucher'' geben einen sehr guten Eindruck wie weit diese Klischee und Unbeliebtheit gehen können, auch wenn es eine Komödie ist. Hier mal ein paar Szenen auf Deutsch:

Zurück zum Thema: dieser Hintergrund spielt bei uns eine grosse Rolle in der Art wie dieser vermutlichen Täter beschrieben wird. Le Figaro, eine Zeitschrift, die vielleicht die Nummer 3 bei uns ist (in Anzahlen von Lesern), hat mehrere Artikel geschrieben, die mit diesem Hintergrund spielen. Sieh z.B hier. Der Name wird erwähnt, die Geschichte der Familie wird enthüllt, immer wieder sagen die Medien gerne bescheid, der Name wird nach dem Tod der drei Bruder aussterben, man sucht auch gerne Zitaten von Verwandten die sich "typisch" für Adeligen benehmen. Was man zwischen den Zeilen fast überall in Frankreich lesen kann ist auch, u.a., diese Frage: spinnen die sowieso nicht alle, diese Menschen aus Versailles? Warum haben sie auch ihren Privilegen nicht alle abgegeben?

Eine Freundin meinte sogar einmal zu mir: "Ich dachte, es gab fast keine Adeligen mehr. Ich dachte, es war verboten noch Namen mit "de" (=von) zu tragen. Ich verstehe es nicht, dass sie noch leben dürfen, wie es früher mal war". Ich glaub mit solchen Sätzen hat man die negativen Klischee schon alle erwähnt...und bereits ein bisschen besser verstanden, wie die Bevölkerung diesen Mörder gegenwärtig analysiert.