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Krank sein- Gesundheitssysteme

Ich bin momentan ganz doll erkältet. Kann nicht richtiges anfangen, mich nicht wirklich konzentrieren, keiner richtigen Konversation folgen...misère, misère.

Heute habe ich mich dazu entschieden, beim Arztz vorbei zugehen, was zeigt, wie schwer es ist. Ich gehe nicht, bis ich mir sicher bin, ich kann nicht anders. Nach 3 guten Tagen Husten, Fieber, Niesen war es ja auch Zeit.

Beim langen Warten habe ich gedacht, die Systeme waren tatsächlich anders, aber das nicht unbedingt im schlechten Sinne- ich werde langsam neutral. Also hier wird es erklärt, wie es bei uns gehen soll:

- jeder Arztz soll für jeden Termin von dem Patienten bezahlt werden. Es geht im Bar, mit Karte oder mit Chèques. Staatlich werden 22- pro Termin versichert, es heiss praktisch, dass vielleicht 80% der Ärtzen sowas von den Patienten erwarten werden. Das Rest sind private Ärzte, es gilt vor allem für Frauenärzte und Chirurgen.

- dieses Geld wird von der sozialen Versicherung innerhalb zwei Wochen dem Patienten zurückbezahlt. Patienten, die über 22- bezahlt haben, kriegen auch 22 von der Sécurité Sociale (Sozialeversicherung) zurück. Ich glaube es gibt dazu keine Ausnahme, zwar bin ich keine Spezialistin der Sécurité Sociale...

- die Mehrheit der Menschen haben dazu noch eine Mutuelle, die hier ein bisschen wie zusätzliche Versicherung vorkommt. Mutuelle sollen den Unterschied zwischen den 22- und dem bezahlten Betrag zurückzahlen, es gibt dafür mehrere Varianten. Das Angebot ist dafür viel einfacher (laut mir) als hier. Man nimmt nämlich ein gesamtes Paket und kriegt alles drin, egal ob Brille, Zähne, und was immer das Problem sein soll. Für Stundenten sind sie besonders günstig: etwa 200 Euro für einen vollen Jahr.

- Medikamente, die geschrieben worden sind, sollen theroretisch komplett zurückbezahlt werden.

Das Problem bei uns ist gegenwärtig eher der anwächsender Kosten für Patienten als der Mangel an Ärtzten- wobei sie immer zunehmend aus dem Ausland kommen, bzw. aus Osteuropa oder Nordafrika, auch in sehr kleinen französischen Dörfen. '' La Sécurité Sociale'' ist nämlich ein Erben der Jahren des Wachstums, direkt nach dem Krieg. Da gab es Arbeit, da gab es viele Jügendliche, da gab es Geld. Bis Anfang der 80en hat das System sehr gut funktioniert.

Jetzt ist das Problem, das es genau umgekehrt ist und das es sich nicht einfach weiterfinanzieren lässt: wir haben auf Dauer sehr viele Arbeitslose, sehr viele Leute die zu alt sind, um zu arbeiten (also um für das System spenden zu können, über die Firma), zu wenige Jügendliche. Medikamente werden ein nach dem anderen als nicht soooooo nötig bezeichnet und von daher aus der Liste der wiederbezahlten Medikamenten ausgenommen. Apotheken, die bei uns sehr verbreitet sind und von den Behörden kontrolliert ( Zahlen 2010: etwa 21 500 in Deutschland gegen 25 000 in Frankreich. Ihr müsst auch damit rechnen, dass der Unterschied in der Bevölkerungen ist von 20 Millionen Menschen...), fühlen sich bedroht. Es lässt sich merken, dass es immer weniger von ihnen gibt: die Alterspyramide in der Branche wird nicht erneut. Ich glaub Gesundheit ist so ein Thema, dass man sich nie wirklich einreden lässt, andere Systeme funktionieren besser als unsere. Das gilt für alle, Franzose und Deutsche. Ehrlich gesagt, ist es jetzt für mich schwierig geworden, das eine oder der andere verteidigen zu können. Ich merke aber hier ein paar Marotten, die Franzosen allgemein immer nerven:

- Deutsche glauben an Naturheilkunde wie andere glauben an Gott. Man hat manchmal fast den Eindruck, dass manche lieber doch sterben würden, als Medikamente zu nehmen. Vor allem Antibiotika, es klingt hier fast wie eine Erwähnung von AKW...Ich bin ein Mensch, der jahrelang seinem Ärtzt nicht trauen wollen hat, habe auch eine Apothekerin als Mutter gehabt, es kann einem traumatisieren. Doch finde ich es hier heftig, wie Medikamente im allgemein misvertraut werden.

- Ganz pragmatisch: man ist ganz doll krank, man hat weniger als 10 Euro, man ist nicht unbedingt in Deutschland versichert, wenn sowas passiert. Arzt hat man gefunden, aber man kann ihn nicht bezahlen. Grund: EC-Karte funktionieren nicht unbedingt (vor allem, wenn sie nicht aus deutschem Herkunft sind). Chèques gibt es hier nicht. Man soll einen Bankautomat finden und erst dann zum Arztz gehen. Sehr praktisch. Ich habe es einmal hier ganz am Anfang erlebt, nie wieder will ich das Problem haben. Habe gedacht, ich würde es nie schaffen.

- Folge des ersten Punkt: manche Medikamente die es bei uns gibt, sind hier gar nicht vorhanden. Man soll Pech haben, klar. Aber mir ist es schon geschehen, für etwas, das ich richtig regelmässig seit Jahren brauche. Ich habe es immer noch keinen richtigen Ersatzmedikamenten nicht gefunden, versorge es also in Frankreich. Klar, es ist stark. Aber wie kann ich denn anders?

Ich weiss dagegen, dass viele Deutsche sich bei uns beschweren, jedesmal bezahlen zu müssen. Und dass die Medikamente zu stark seien...aber ich weiss auch, dass eigentlich beide Systeme einen ähnlichen Erfolg haben. Im Endeffekt kommt man wieder zu der Frage: ist "besser" nicht etwa ein kultureller Begriff?

A propos, psst! Alles, was ich hier geschrieben habe, soll mit Neutralität und Abstand gelesen werden. Ich lasse nur Dinge bemerken, die für mich im Alltag ein Problem sind, laut anderen Gewohnheiten. Es heisst aber auf keinem Fall, dass ich mich laut beschweren soll und das es bei uns allgemein "besser" ist. Eher im Gegenteil: wenn es nur das, was mich nervt, ist das Leben hier doch ein Traum. Alles klar?!

Das Rätsel der Französin ohne Akzent?!

Heute wieder das Thema Akzent, diesmal aber auf einer persönlichen Ebene.

Ich habe es nämlich endlich geschafft, mich dazu zu entscheiden, einmal bei der Logopädierin aufzutauchen um eine Meinung über meine Stimmprobleme insgesamt zu kriegen. Ich hasse es eigentlich, einen Akzent zu haben, und auffällig zu sein- das versteht hier keiner, ich weiss. Seit Jahren habe ich versucht, den blöden Akzent unterzudrücken. Die Logopädierin ist dafür heute der festen Meinung gewesen, ich hab doch keinen Akzent. Genauer gesagt: technischerweise, gar keinen, sondern nur Sprachprobleme. Praktisch meint sie, meine Aussprache klingt weder Deutsch noch Französich: ich rede einfach, ohne Deutsch zu klingen, aber ohne unbedingt Französin zu klingen. Und das nach zwei profi Testen. Franzosen, laut ihr, haben ganz viele Probleme die bei mir nicht auftauchen. *gleichzeitig sehr stolze, sprachlose und SEHR ungläubige Paulette.*


Hier erstmal die Konversation, die ist noch frisch:

Logopädierin: Also, ich hab drei Probleme bemerkt, aber irgendwie ist es sehr seltsam. Erstens, Sie haben gar keine Betonung wenn Sie auf Deutsch reden. Heiss, Sie reden praktisch flach, im Gegenteil von Franzosen die am Ende des Satzes systematisch betonen und dann leiser reden. Und im Gegenteil von Deutschen, die normaleweise den ersten Teil der Wörten betonen.

Paulette: Wie? Kann man es so machen, dass der Satz überhaupt nicht betont wird? Mach ich das? Echt? |stellt sich gerade vor, sie kann mega langweilig auf Deutsch sein. Denkt darüber nach|

Logopädierin: Ja. Ich vermute mal, Sie haben es spontan mitgekriegt, dass der Rythmus des Satzes auf Deutsch anders lautet und haben es geschafft, die französische Betonung rauszupacken. Das heisst aber nicht, dass Sie es wie Deutschen reden, weil Sie gar nicht betonen. Ein Wort mit drei Silben sprechen Sie ganz flach aus. Jede Silbe gleichgültig, so zu sagen.

Paulette: ... |Ja klar habe ich es bemerkt und unterdrückt. Habe sogar es hier schon hinter den Zeilen erwähnt!|

Logopädierin: Problem Nummer zwei. Sie haben eine leichte Stossstörung allgemein. Diese Störung taucht auf Deutsch häufiger, weil die Sprache sie öfter aufruft. Nämlich ist das "ch", "sch" usw. schwierig für Sie, weil Ihre Zunge die falsche Muskulatur hat.

Paulette: Ich vermute mal also, das wird sehr schwierig zu korrigieren.

Logopädierin: Eigentlich nicht. Es wird sogar viel leichter als die Betonung sein. |Bin mir nicht sicher, ich hab das mit der Muskulatur der Zunge richtig verstanden...war dafür so verwirrt|

Logopädierin: Problem Nummer drei, sie lassen das Ende der Wörter fast jedes Mal quasi verschwinden.

Paulette: Ja, ich weiss. Also: ich vermute mal, ich weiss. Ist doch Absicht: ich habe keine Ahnung von Pluralformen. Ausserdem ist schnell reden praktischer um Fehler zu verbergen!

Logopädierin: Ahja. Ich verstehe schon.

Paulette: ...Aber...Err...Wenn ich das zusammenfasse, errr, was Sie gerade gesagt haben, es heisst praktisch...dass ich akzentenlos rede? Also ich meine, technicherweise könnte ich auch Japanerin sein und genau so reden?

Logopädierin: Ja, das ist genau richtig. In anderen Wörtern hat Ihre Herkunft meiner Meinung nach gar keinen Einfluss über Ihre Sprachweise. Ausser von Momenten, wo Sie Müde sind oder geärget sind, was wohl eine andere Sache ist. Man spricht da spontan wie bei sich

Paulette: ...

Logopädierin:...


Was ich gelernt habe: A, dass ich den Akzent soweit es geht von mir selber rausgenommen habe *Feuerwerk, Stolz, Tränen, Emotion*. B, dass ich vielleicht irgendwann es spontan schaffen werde , die Betonung richtig auszusprechen. Ist eigentlich auch möglich, falls es mir doch durch den Schädel kommt, hier endgültig zu bleiben. Aber Übungen extra dafür sind ganz viel Aufwand, jetzt dass ich mich daran gewönht habe, gar keine Betonung zu benutzen. C, dass ich einfach Pluralformen endlich mal doch lernen soll und daran denken soll, sie nicht mehr verschwinden zu lassen. D: die Stossstörung kann ich sehr schnell loswerden. 3, 4 Behandlungen sollten den Trick machen.

Jetzt bleibt also die Frage, die ich ihr gestellt habe, und worauf ich keine Antwort gekriegt habe: wieso werde ich systematisch als Französin anerkannt? Von der reinen Theorie her, sollte sich der Ansprechspartner erstmal fragen, ob ich vielleicht doch aus Polen, Uruguay oder Himmel und was immer bin. Gibt es denn eine Aura, die mir folgt? La Marseillaise als Begleitungsmusik, eine Baguette auf der rechten Wange und einem Camembert auf der linken Wange gemalt vielleicht...? Es stimmt schon, dass eine handvoll Leute es mir gesagt haben, man könnte es manchmal nicht mercken. Das hatte ich aber als reiner Kompliment genommen und nicht weiter darüber nachgedacht. Also wenn so viele mir das Gegenteil sagen, spontan damit anfangen, auf Französich zu reden, tolle Sätze wie "ah, Du bist Französin? Wie schön! Ich liebe Baguette!" sagen und wenn ich so viele "Abendteuer" mit dem Akzent gehabt habe...? Ich kann es einfach nicht glauben.

Meine Vernunft sagt mir: es muss was mit dem frühen Einlernen von der Sprache zu tun haben. Ich freue mich zögerlich doch, es ist schön :) Ich lasse also erstmal das mit der Behandlung des Akzenten liegen und konzentriere mich auf einer anderen Sprachstörung, nämlich lauter Redeweise. Und ich kann vernünftig hoffen, ich werde mich irgendwann doch eindeutschen, auch wenn sie nicht unbeding 100% richtig ist.